Nadler

Genealogie und Geschichte

im Großraum Aachen und Limburg (Deutschland, Niederlande und Belgien)
 



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Nadler

In Aachen, Burtscheid und Umland war neben der Tuchherstellung vor allem die Herstellung von Nähnadeln einer der Haupterwerbszweige seit alters her. Die Arbeit bestand aus vielen verschiedenen Arbeitsgängen vom Draht bis zur fertigen Nadel. Der gesundheitsgefährdenste Teil dieser Arbeit war das Schleifen der Nadeln. Diese wurden trocken geschliffen und zwar auf sich drehenden Sandsteinen. Dabei entstand feiner Steinstaub, der die Lunge extrem belastete, die Staublunge verursachte, und bei den Nadelschleifern in aller Regel zum frühen Tod durch die "Schleiferkrankheit", die Silikose, führte. Die Krankheit war nicht nur auf die Nadelschleifer begrenzt, sondern überall dort verbreitet, wo mit Hilfe von Sandsteinen Metall trocken bearbeitet/geschliffen wurde. So auch vor allem in Solingen oder auch in England in Sheffield.


Die Schleiferkrankheit

"Bei weitem die ungesundeste Arbeit ist aber das Schleifen der Klingen und Gabeln, das, besonders wenn es auf trocknen Steinen geschieht, unfehlbar einen frühen Tod nach sich zieht. Die Ungesundheit dieser Arbeit liegt teils in der gebückten Stellung, bei der die Brust und der Magen gedrückt wird, besonders aber in der Menge scharfkantigen, metallischen Staubes, der beim Schleifen abspringt, die Atmosphäre füllt und notwendig eingeatmet wird. Die Trockenschleifer werden durchschnittlich kaum 35, die Nassschleifer selten über 45 Jahre alt.

Dr. Knight in Sheffield sagt: »Ich kann die Schädlichkeit dieser Beschäftigung nur dadurch einigermaßen deutlich machen, daß ich die stärksten Trinker unter den Schleifern für die langlebigsten unter ihnen erkläre, weil sie am meisten von ihrer Arbeit abwesend sind.

Im ganzen sind etwa 2 500 Schleifer in Sheffield. Ungefähr 150 (30 Männer und 70 Knaben) sind Gabelschleifer - diese sterben zwischen dem 28. und 32. Lebensjahre: die Rasiermesserschleifer, die sowohl naß als trocken schleifen, sterben zwischen 40 und 45 Jahren, und die Tischmesserschleifer, die naß schleifen, sterben zwischen 40 und 50 Jahren.«

Derselbe Arzt gibt folgende Schilderung des Verlaufs ihrer Krankheit, des sogenannten Schleifer-Asthma: »Sie fangen ihre Arbeit gewöhnlich mit dem vierzehnten Jahre an, und wenn sie gute Konstitution haben, so spüren sie vor dem zwanzigsten Jahre selten viel Beschwerden.

Dann fangen die Symptome ihrer eigentümlichen Krankheit an, sich zu zeigen; der Atem geht ihnen bei der geringsten Anstrengung, beim Treppen- oder Bergsteigen, gleich aus, sie halten die Schultern hoch, um die beständige und zunehmende Atemnot zu erleichtern, sie beugen sich nach vorn und scheinen überhaupt sich in der gedrückten Stellung, in der sie arbeiten, am behaglichsten zu fühlen;

ihre Gesichtsfarbe wird schmutziggelb, ihre Gesichtszüge drücken Angst aus, sie klagen über Beklommenheit auf der Brust; ihre Stimme wird rauh und heiser, sie husten laut, wie wenn die Luft durch eine hölzerne Röhre getrieben würde.

Von Zeit zu Zeit expektorieren [= aushusten] sie bedeutende Quantitäten Staub, entweder mit Schleim vermengt oder in kugel- oder zylinderförmigen Massen mit einem dünnen Überzuge von Schleim. Blutspeien, Unfähigkeit zu liegen. Nachtschweiß, kolliquative Diarrhöe, ungewöhnliche Abmagerung mit allen gewöhnlichen Symptomen der Lungenschwindsucht raffen sie endlich hin, nachdem sie monate-, ja oft jahrelang gesiecht haben, unfähig, sich und die Ihrigen durch Arbeit zu ernähren. Ich muß hinzufügen, daß alle Versuche, die bis jetzt gemacht wurden, das Schleifer-Asthma zu verhindern oder zu heilen, gänzlich fehlgeschlagen sind.«

Dies schrieb Knight vor zehn Jahren; seitdem hat sich die Zahl der Schleifer und die Wut der Krankheit vermehrt, man hat aber auch Versuche gemacht, durch verdeckte Schleifsteine und Ableitung des Staubes durch Zug der Krankheit zuvorzukommen.

Diese sind wenigstens teilweise gelungen, aber die Schleifer selbst wollen ihre Anwendung nicht und haben sie sogar hier und da zerschlagen - weil sie glauben, daß dadurch mehr Arbeiter in ihr Geschäft kommen und ihren Lohn drücken wurden; sie sind für »ein kurzes Leben, aber ein lustiges«.

Dr. Knight hat oft Schleifern, die mit den ersten Symptomen des Asthma zu ihm kamen, gesagt: Ihr holt euch den Tod, wenn ihr wieder zurück zum Schleifstein geht. Aber es hat nie geholfen; wer einmal Schleifer war, der war auch verzweifelt, als ob er sich dem Teufel verkauft hätte." 

aus: Friedrich Engels, Die Lage der arbeitenden Klasse in England - nach eigner Anschauung und authentischen Quellen, Leipzig 1845.


Das Nadelgewerbe [in Aachen]

Fließender als im Tuchgewerbe gestaltete sich der Übergang zur Industrialisierung im Nadelgewerbe. Bereits Mitte des 18. Jahrhunderts entwickelte sich hier ein ausgeprägtes Verlagssystem: Zahlreiche Rauhwirker fertigten auf dem Land die Nadelrohlinge für den in der Stadt lebenden Verleger. Dieser stellte den Rohstoff (Stahldraht oder verstahltes Messing aus Altena oder dem Siegerbergland) und ließ die fertigen Rohlinge in Scheuermühlen schleifen und polieren. Als Schönwirker übernahm er mit seinen Gesellen und Lehrlingen das Sortieren, Bläuen und Einbriefen und sorgte schließlich für den Verkauf der Ware. Verlegern wie dem 'Großunternehmer Kornelius Chorus gelang es so bereits im 18. Jahrhundert, die engen Zunftschranken zu durchbrechen. Begünstigt wurde dieser Prozeß durch die im Nadelgewerbe ungewöhnlich früh einsetzende Arbeitsteilung: etwa 70 mal wechselte ein Stück Draht die Hand, ehe aus ihm eine fertige Nadel entstand.

Das Verlagswesen bestimmt die Nadelproduktion bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts. Trotz fortschreitender Industrialisierung im Tuchgewerbe blieb das Schleifen und Polieren in den mit Wasserkraft betriebenen Scheuermühlen vorerst der einzige mechanische Arbeitsgang. Selbst die in den 30er Jahren eingeführten Maschinen zum Stanzen und Prägen der Öhre sowie zum Einbriefen der Nadeln wurden zunächst manuell betrieben. Die Große Zahl an Arbeitskräften rekrutierte sich zu einem beträchtlichen Teil aus schlecht bezahlten Landbewohnern und Kindern. so blieb die vorindustrielle Arbeitsweise für den Verleger noch lange Zeit ein lohnendes Geschäft.

Auch das Nadelgewerbe blühte auf in den Jahren französischer Herrschaft. Trotz kurzer Einbrüche setzte sich diese Entwicklung auch nach 1815 fort. In den 20er Jahren galt die Aachener Region als wichtigstes Nadelzentrum Deutschlands.

So war es ein Burtscheider, der Tuch- und Nadelfabrikant Ph. H. Pastor, der 1831 mit der Entwicklung einer Schutzvorrichtung für Nähnadelschleifer (exhaustor) europaweit für Aufsehen sorgte. In einer Veröffentlichung des 'Vereins zur Beförderung des Gewerbefleißes in Preußen' von 1832 heißt es hierzu:

"Einen der Gesundheit der Nähnadel-Schleifarbeiter höchst nachteiligen Einfluß übt das Einathmen des feinen beim Schleifen entstehenden Stahl- und Steinstaubs aus, er ist so bedeutend, daß die meisten derselben schon nach wenigen Jahren zu kränkeln anfangen und einem frühzeitigen Tod unterliegen. [...] Es sind schon manche Versuche von Fabrikanten des In- und Auslands gemacht worden, diesem Uebelstand zu begegnen, [...]. Unserem sehr geehrten Mitglied, dem Herrn Philipp Heinrich Pastor [...] ist es endlich [...] durch beharrlichen Fleiß gelungen, einen Apparat herzustellen, der nach mehrmaliger Anwendung in seiner Fabrik sich vollkommen bewährt hat."

Tatsächlich erfreute sich die Maschine eines großen Anklangs nicht nur unter Aachener Fabrikanten. Vorausschauend heißt es deshalb in erwähntem Artikel weiter:
"Zur Anfertigung dieser höchst zweckmäßigen Schutzvorrichtung über Nadelschleifsteine empfiehlt Herr Pastor die Herren Requier, Pocelet [Burtscheit] und Desoer in Aachen . . . "

Zu heftigen Arbeitskämpfen kam es bei der Einführung des exhaustors 1844 in England. Trotz der erheblichen gesundheitlichen Vorteile befürchteten die Nadelschleifer den Abzug der ihnen bislang gezahlten Gefahrenzulage - ein Hinweis auf die allgemeinen Lohnverhältnisse in diesem Gewerbezweig.

Mit einer Verzögerung von 40 Jahren gegenüber der Tuchindustrie betrieb die Firma Heusch & Kern 1846 als erster Aachener Nadelbetrieb eine Dampfmaschine. Von großer Bedeutung für das exportorientierte Nadelgewerbe war darüberhinaus die 1851 durch Singer (USA) aufgenommene Serienproduktion von Nähmaschinen. Als erstes europäisches Unternehmen übernahm die Firma Stephan Beißel die Nähnadelproduktion für Singer. Noch heute behauptet sich der 1730 gegründete Familienbetrieb u.a. durch die Produktion von Spezialnadeln für Nähmaschinen.

In den 60er Jahren kam es zu einer Vielzahl von Firmenneugründungen. Genannt sei stellvertretend die noch bestehende Firma Leo Lammertz. Gegen Ende des Jahrhunderts begann, ähnlich wie im Tuchgewerbe, ein Prozeß der Firmenkonzentration auf Kosten kleiner Familienunternehmen. Eindrucksvoll ist in diesem Zusammenhang die Entwicklung der Firma Rheinnadel. 1898 aus dem Familienbetrieb Hubert Friedrich Neuß (Bruder des Nadelfabrikanten Heinrich Josef Neuß) hervorgegangen, übernahm die Rheinische Nadelfabriken AG bis 1930 zwanzig Nadelfabriken inner- und außerhalb Aachens. Hierzu gehörten auch so renommierte Unternehmen wie die Firma Ph. H. Pastor, Söhne. Im Vergleich zu 32 Betrieben im Jahr 1895 zählt Aachen heute noch fünf Nadelunternehmen.

aus: Museum Burg Frankenberg [Hrsg.], Aachen im 19. Jahrhundert - Die Zeit der Frühindustrialisierung, Aachen 1991.
 

 


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